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Woher die Russen ihren Namen haben

von Eric Boerner

Zu den äußerst umstrittenen Themengebieten in der Slavistik gehört die Herleitung der Bezeichnung »Russen«. Aus der so genannten Nestorchronik wissen wir, dass er ursprünglich die Eigenbezeichnung der nordgermanischen Wikinger war, die als erste auf russischem Boden als Geschlecht der Rjurikiden herrschten. Woher diese Waräger (russ.: varjagi) stammten, ist nicht völlig klar. Reiche Schatzfunde auf Gotland deuten an, dass sie zumindest auf dieser Insel siedelten. Die Nestorchronik spricht lediglich davon, dass sie übers Meer kamen. Es könnte sich also auch um Schweden oder Norweger handeln, aber dafür gibt es keine evidenten Beweise. Ziemlich sicher ist also nur, dass das Wort »Russen« aus dem nordgermanischen Sprachraum stammen muss. Was gewisse Theorien, die »russisch« auf finnisch »ruotsi« zurückführen, was so viel wie »rudern« bedeuten soll, eher unwahrscheinlich macht. Auch eine Herleitung aus altrussisch »rusyj«, was soviel wie »rot, rothaarig« bedeutet, ist damit nicht sehr wahrscheinlich.

Schaut man sich andere erhaltene Quellen an, stößt man auf einen Empfang der Heiligen Olga am byzantinischen Hofe, der in dem vom byzantinischen Kaiser Konstantin VII. wenn nicht verfassten, so doch redaktionierten Buch »Von den Zeremonien« beschrieben ist. Die Datierung des Buchs wie des Besuchs ist eine weitere slavistische Baustelle, auf die ich aber nicht weiter eingehen möchte. Sicher ist nur, dass der Empfang Olgas in Konstantinopel Mitte des 10. Jahrhunderts stattfand. Ob sie da schon getauft war oder nicht, ist auch nicht sicher, genau so wenig, wer sie getauft haben könnte. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass sie in dem Buch als »Helgas Hrosenys« bezeichnet wird, also als Helga, die Russin. Da der Vorname noch nicht slavisch »Olga« lautet, kann man also davon ausgehen, dass sie sich als Nordgermanin fühlte und vorwiegend Nordgermanisch gesprochen hat. Im 10. Jahrhundert war die häufig bemühte schnelle Slavisierung der warägischen Herrscherschicht also noch ein Zukunftsprojekt. Auch die Volksbezeichnung »Hrosen« (häufig fälschlich als »Rhosen« oder »Rhos« wiedergegeben) ist schwerlich slavisch. Allerdings hat man auch als Germane zunächst Schwierigkeiten, dieses Wort in seiner eigenen Sprache zu finden. Schließlich muss man hier ein ganzes Jahrtausend an Sprachentwicklung überbrücken. Und das bei gerade in den Anfängen noch sehr sporadischer Alphabetisierung im nordischen Teil Europas. Ganz aussichtslos ist es aber nicht, wenn auch etwas kompliziert. Meines Erachtens handelt es sich bei »Hrosenys« um eine Ableitung des altgermanischen »hruod«, was so viel wie »Ruhm, stolz, prahlen« bedeutet. In diesem Wort findet sich der Grund dafür, warum russisch manchmal mit »u«, manchmal mit »o« geschrieben wird, und manchmal – wie in »reussisch« zum Beispiel – auch als Diphtong erscheint.

»Helga Rosen« müsste meiner These zufolge also als Helga die Gerühmte oder die Stolze übersetzt werdem. Was zumindest für eine Herrscherin angemessener wäre, als etwa Helga die Rudernde, oder Helga die Rote. Als Beleg reicht so eine Wahrscheinlichkeit natürlich nicht aus. Aber es gibt durchaus gute Gründe, warum es Helga die Gerühmte heißen muss.

Hierzu muss man allerdings etwas ins Slavische eintauchen. Die ursprüngliche Selbstbezeichnung der heutigen Russen war nämlich unter anderem »Slovene« bzw. »Slavene«. Das leitet sich von »slovo« (Wort, Sprache) her oder genauer gesagt von »sloviti« (sprechen). Slovene, Slavene oder ganz einfach Slawen sind also nichts weiter als Menschen, die sprechen können. Ein paar deutsche Altnazis hätten gerne, dass sich die Slaven nach den römischen Sclavi (Sklaven) genannt hätten, aber das ist natürlich Blödsinn. Nach der Logik, dass Slawen diejenigen sind, die sprechen können, sind natürlich alle, die keine Slawen sind, stumm, und werden auch so genannt, nämlich »nemcy«, die Stummen. Diese Bezeichnung wird tatsächlich bis heute auch für uns Deutsche benutzt. Für einen Russen sind wir Deutschen allesamt stumm. Und das galt natürlich auch für die Nordgermanen, die Russland im 10. Jahrhundert beherrschten. Und hier kommt das Problem: diese Herrscher konnten natürlich auch slavisch sprechen, schon um ihre Befehle geben zu können. Sie waren also nicht stumm, sondern auch Slovene, Sprechende, nur eben solche ohne slavische Volkszugehörigkeit. Um sich als Nordgermanen von den übrigen abzugrenzen, übersetzten die nun einfach das, was sie als slavische Selbstbezeichnung kannten ins Nordgermanische. Und das war ganz offensichtlich das Wort »Slavene«, dass sich zwar von »Slovene« herleitet, aber leider etwas anderes bedeutet, nämlich nicht »die Sprechenden«, sondern: »die Gerühmten« (hergeleitet von »slaviti« (rühmen)). Die Slaven nannten sich in falscher Etymologie die Gerühmten und so taten es auch ihre Herrscher, nur eben in ihrer eigenen Sprache, im Nordgermanischen. Und schon haben wir es mit »Hruothen« oder »Hruothi« zu tun. Das »th«, das man wie englisch »th« aussprechen sollte, entsteht aus dem »d« vor weichem Vokal, wir finden es in der Volksbezeichung »Ruthenen« noch wieder, die gleichfalls auf »hruod« zurückgeht. Selbst noch im heutigen Deutsch finden wir die stehende Wendung »stolze Wikinger«, was offensichtlich eine Übersetzung von »Russischen Wikingern« ins Neuhochdeutsche darstellt.

Im Neuhochdeutschen ist das Wort »hruod« nur noch fragmentarisch erhalten. So etwa in den Vornamen Rüdeger (von Hruodeger, dem gerühmten Speer) und Roswita (Hruodsvit von Gandersheim). Das schwer auszusprechende »uo« ist hier einmal zu »ü«, dann wieder zu »o« geworden. Vielleicht geht auch unser »protzen«, was »sich selber rühmen« bedeutet, auf »hruod« zurück.

Wichtig ist aber vor allem, dass sich die Russen anscheinend nach Nordgermanen nennen, die sich in etymologisch falscher Übersetzung wie die Slaven als Gerühmte genannt wissen wollten.

Es ist für meinen Teil auch ziemlich wahrscheinlich, dass sich zudem die Preußen von »hruod« herleiten lassen. Im Unterschied zu den Russen hat sich das H von »hruod« zu einem P entwickelt, während es im Ostslawischen einfach weggefallen ist. Auch im Englischen findet sich ja »proud« (stolz), was unverkennbar mit »hruod« (gerühmt, stolz) verwandt ist. Die Altpreußen waren ein germanischer Stamm, der im Baltikum siedelte und durch ein, nur fragmentarisch erhaltenes, Gemisch aus germanischer und slawischer Sprache kommunizierte. Mit den Hohenzollern und dem Preußischen Staat des deutschen Reichs haben die Altpreußen übrigens nur in sofern zu tun, als die schwäbischen Hohenzollern preußische Ländereien im Baltikum erbten, nach denen sie sich dann Preußen nannten.

Sowohl die Preußen als auch die Reußen leiten sich also möglicherweise von einem nordgermanischem Volksstamm her, der im Baltikum und auf Gotland siedelte, eine Zeitlang über Russland herrschte, um schließlich durch Assimilierung von der Landkarte zu verschwinden. Lediglich der Name dieses Volksstamms ist erhalten geblieben durch eine undeutliche, leider nur sehr umständlich herleitbare sprachliche Überlieferung.


© Illeguan Dezember 2007 – Eric Boerner

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