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[Rjurik Nerbeev]

Russisches Gebet

von Rjurik Nerbeev

 

 

Ich bin ein Russe. Strandgut der Geschichte. Abfallhalde der Völker. Ewiger Nachzügler des menschlichen Fortschritts. Ewig voran beim Entwickeln von Waffen und Massenvernichtung. Ich liebe. Ich liebe meine Ermordeten, meine Opfer, meine Vergewaltigungen, meine Schläge ins Gesicht, auf den Körper, das stumpfe Messer in den Eingeweiden umgedreht. Ich beweine meine Opfer, meine Geliebten, wie kein anderer Mensch. Seit Jahrtausenden unterdrückt und entrechtet und gequält, kenne ich nichts anderes als Unterdrückung und Entrechtung und Qual. Ich dulde, um klagen zu dürfen. Ich dulde, um meine Morde zu rechtfertigen. Ich falle denen nicht in den Arm, die mich verkrüppeln, um klagen zu können. Mein Leben ist der Schmerz und der Schmerz meine Freude. Was tat ich euch an, meine Frauen! Was tat ich euch an, meine Kinder! Ihr, die ihr unter meinem Schutz steht, seid die Träger meines Leids. Ich erzog euch mit der Peitsche, die siebenschwänzige Knute bin ich, die Nagajka, der Sprengstoff eures freudlosen Lebens. Selbst ein Mörder, beschuldige ich die ganze Welt des Mordes. Nie war ich selbst schuld, niemals habe ich meine Verfehlungen bekannt, außer dass es Lügen waren im Angesicht der Strafrichter, um meine noch größeren Verbrechen bemänteln zu können. Nie kannte ich eine Wahrheit, außer jener, die mir nützlich war. Ich bin ein Unterdrücker der Völker. Wenn sie sich gegen meine stählerne Faust erheben, antworte ich mit Mord und Genozid und noch mehr Unterdrückung. Jede menschliche Ideologie, jeder Weltrettungsgedanke wird in meiner Hand zur unüberwindlichen Waffe. Ich ertrage meine Verworfenheit nur im Trunk. Ich genieße es, in der Gosse zu verenden, zur Freude meiner Landsleute. Meine blauen Augen glänzen in der Schönheit des Hasses. Ich ließ mich von Stalin in den Arsch ficken und dankte ihm meine Vergewaltigung damit, ihm einen zu blasen, bis sein böser Same meine Kehle herunterfloss mit Feuer und Blut. Wie habe ich das genossen und wie genieße ich es, mich an meiner Erniedrigung zu weiden. Vollgesogen mit den Säften des Bösen, grinse ich, der Koloss auf schwankenden Säulen, über die Welt und ihre Verirrungen. Welchen Hals habe ich noch nicht umgedreht oder zumindest die Schlinge geknüpft aus dem Haar meiner Geliebten, um ihn zu würgen? Hunderttausend Jahre möchte ich leben, um im Tod der Hölle zu trotzen und den Teufel vor mir knien zu sehen. Wer bist du schon, nur ein gefallener Engel, nie aber war an mir Gutes, du Lichtgestalt.

Tritt beiseite, Deutscher, der du deine Juden geschlachtet hast.
Tritt beiseite Amerikaner, der du die Indianer geschlachtet hast.
Tritt beiseite, Franzose, der du die Hugenotten geschlachtet hast.
Tritt beiseite, Spanier, der du die Inkas geschlachtet hast.

Ihr seid alle nichts. Empfangt aus meinen Händen die Sprache des Mordes und der Vernichtung; die Sprache meiner Liebe. Seht, wie ich mein eigenes Land hingerichtet, die Wälder verwüstet und unbewohnbar gemacht, ganze Seen ausgetrocknet und in stinkende Tümpel verwandelt habe. Seht nur mein Land, diese Mondoberfläche, dessen Meteoritenhagel ich selber war und bin. Die mir Worte gaben für meinen Schmerz, meine Dichter, traktierte ich mit der Faust, nahm ihnen die Worte für meinen Schmerz durch die Zensur, zeigte ihnen die Wohltat ewigen Schweigens. Über mir tanzen die weinenden Engel. Gott hat sein leichenblasses Gesicht abgewendet. Denn ich bin ein Russe: Strandgut der Geschichte. Abfallhalde der Völker.

Verzeih mir nicht, Allmächtiger, wie ich mir selber verzeihe. Mein Hass glaubt an dich und meine Liebe versucht dich zu vernichten. Ich liebe meine Feinde, um meine Nächsten um so ruchloser zu hassen und zu missbrauchen. Und ihr, meine Frauen, verzeiht mir nicht. Und ihr, meine Kinder, vergesst mich, wie ich euch mein Leben lang nicht gekannt habe. Denn ihr, meine Kinder, könnt mein Werk nur fortsetzen, wenn ihr meine Verbrechen vergesst.

Denn wir sind Russen: Strandgut der Geschichte. Abfallhalde der Völker. Das Gift Gottes am siebten Tag auf die Erde gespuckt. Das ewige Beispiel für den Mut der Falschheit und die Heldenhaftigkeit des Mordes.

Halleluja. Amen.

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Übersetzung: Eric Boerner – © Illeguan 2002